Ich habe mir mal vorgenommen, einen etwas tiefgründigeren Blogeintrag zu verfassen, zu dem Thema Integration. Hierbei möchte ich mich auf die Integration “behinderter” Menschen konzentrieren, diese wird im öffentlichen Leben meist vergessen.
Pädagogische Integration bezeichnet das Einbinden von Menschen mit Behinderung in den Unterricht “nichtbehinderter” Menschen. Das ist ja eigentlich eine wirklich tolle Idee. Dabei wird jedoch zwischen zielgleicher und zieldifferenzierter Integration unterschieden.
zielgleiche Integration
Das Erreichen ein und desselben Ziels von “behinderten” und “nichtbehinderten” Menschen wird vorrausgesetzt. Dies soll erreicht werden, indem alle Schüler unter den selben Rahmenbedingungen unterrichtet werden.
zieldifferenzierte Integration
Diese Integrationsform geht sehr viel individueller auf die Möglichkeiten und Bedürfnisse der einzelnen Schüler ein. Im Gegensatz zur zielgleichen Integration werden den einzelnen Schülern jeweils unterschiedliche Ziele in Aussicht gestellt, auch die Rahmenbedingungen des Unterrichts variieren von Schüler zu Schüler.
Eine zieldifferenzierte Integration kann jedoch nur in Zusammenhang mit Sozial- oder Sonderpädagogen angeboten werden.
Pädagogische Integration findet man in Deutschland nur in Grundschulen (bis auf wenige, zu wenige Ausnahmen!).
Angefangen habe ich mein Post ja mit dem Satz “Das ist ja eigentlich eine wirklich tolle Idee.”. Auf diese von mir beabsichtigte Einschränkung möchte ich jetzt Bezug nehmen. Denn in der allgeimenen Gesellschaft wird Integration fast ausschließlich auf zielgleiche Integration reduziert. Und genau da liegt der Fehler. Denn um es mal etwas zugespitzt zu sagen: Was soll denn diese ganze übermäßige Förderung? Montags Logopädie, Dienstags Bewegungstherapie, Mittwochs Sprachförderung, Donnerstags Ergotherapie und Freitags irgendeine zusätzliche Therapie oder ein Arztbesuch. Alles nur damit die “behinderten” Kinder möglichst “normal”, wie es die Gesellschaft so schön zu benennen pflegt, wirken. Woher das durch die Behinderung meist sowieso schon geschwächte Kind die Kraft für all diese Therapien und “besonderen” Fördermethoden nehmen soll, wo das Kind Freunde findet und lernt, sich in einer Gesellschaft zu positionieren, das interessiert in diesem Zirkus leider niemanden. Die Frage, ob ein “behindertes” Kind durch diverse Therapien glücklicher wird, wage ich garnicht erst zu stellen.
Und das soll also eine gute Integration sein, die “behinderte” Kinder in ihr Unglück treibt, und sie unter dem Gesellschaftsdruck, “makellos” sein (scheinen) zu müssen, zerbrechen?
Dem schließt sich eine weitere Frage an: Warum kann eine Gesellschaft nicht die “Behinderung” ihrer Mitglieder akzeptieren und damit dementsprechend umgehen?
Denn eigentlich heißt Integration nicht, jeder Mensch, egal ob “behindert” oder “nicht-behindert” muss das gleiche Ziel erreichen, denn die Leistungsanforderung an den “behinderten” Menschen wäre immens höher. Eine erfolgreiche gesellschatliche Integration heißt für mich, die “Behinderung” anderer Mitmenschen zu akzeptieren, ihnen alle Möglichkeiten zur Förderung bereitzustellen, sie aber zu nichts zu zwingen!! Ziel für eine optimales Miteinander “behinderter” und “nichtbehinderter” Menschen muss eine Gesellschaft sein, in der jeder Mensch nach seinen Möglichkeiten leben kann und sicht für nichts schämen muss, in der sich ein Mensch mit “Down-Syndrom” (die Bezeichnung “Mongoluismus” ist eine eindeutige Beleidigung, das sei an dieser Stelle einmal bemerkt!!) nicht schallendem Gelächter ausgesetzt sehen muss, nur weil er sich nicht so klar artikulieren klann wie der “gesunde” Mensch, und seine Eltern sich nicht mit der vorverurteilenden Frage “Ja, habt ihr den Jungen denn nicht genug gefördert?” konfrontiert fürchten müssen. Weil, wie sollen sich die Eltern bei dieser frage verteidigen/rechtfertigen? Und viel schlimmer: Warum müssen sie sich überhaupt dafür rechtfertigen, ihren Sohn sein Leben leben gelassen und ihn nicht von einem Arzt zum nächsten gezerrt zu haben. Kritiker mögen hier das bedeutungsschwangere Argument Verantwortung einbringen. Aber was heißt *Verantwortung* eigentlich? Wikipedia die allwissende Müllhalde sagt dazu:
“Verantwortung bedeutet die Möglichkeit, dass eine Person für die Folgen eigener oder fremder Handlungen Rechenschaft ablegen muss. Sie drückt sich darin aus, bereit und fähig zu sein, später Antwort auf mögliche Fragen zu deren Folgen zu geben. Eine Grundvoraussetzung hierfür ist die Fähigkeit zur bewussten Entscheidung.”
Diese Definition deckt sich mit meiner Auffassung, denn auch hier wird nicht von “Schaden wettmachen” oder ähnlichem Quatsch geredet.
Natürlich stimmt es, dass Eltern ihren Kindern gegenüber eine gewisse Verantwortung tragen, aber das heißt (nur), dass Eltern Entscheidungen treffen, deren Folgen sie später vor ihren Kindern verantworten müssen. Unter diesem Gesichtspunkt ist der Förderwahn von Eltern für mich in einigen, begrenzten Punkten in der heutigen Gesellschaftshaltung nachvollziehbar: Kein Elternteil kann seinem Kind rational begründen, warum man sich damals gegen auf Assimilierung abzielende Förderungsmöglichkeiten verzichtet hat, und dem Kind somit die Teilname an einem gesellschaftlichen, unbeschwerten Leben versagt hat (weil die Gesellschaft “Behinderung” immer noch ablehnt!).
Das Verhalten der Gesellschaft, Fremdes und Ungewohntes abzustoßen, gilt es jedoch nicht einfach so hinzunehmen. Dieses Gesellschaftsbild müssen wir verändern! Wir brauchen in unserer Gesellschaft eine starke zieldifferenzierte Integration, anstatt einer “Auswahl” zwischen Assimilierung und Exklusion “behinderter” Menschen. Diese Veränderung, das möchte ich gar nicht bestreiten, ist jedoch nicht ohne äußere Hilfe zu schaffen!
Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der ein Mensch mit “Down-Syndrom”, ohne abfällige Blicke zu ernten, in einem Lebensmittelmarkt arbeiten kann, und nicht in der hintersten Ecke einer “Behinderten”-Werkstatt versteckt werden muss (wie es heutzutage leider passiert), um nicht als “lebensunwert” “fehlerhaft” enttarnt zu werden.
Zum Abschluss dieses Artikels möchte ich Folgendes klartstellen: Mit diesem Post möchte ich in KEINSTER WEISE die Argumentation der NPD oder ähnlicher rassistischer Parteien / Gruppierungen unterstützen, “behinderten” Menschen entsprechende Förderung zu verbieten und sie abzuschieben! Diese Argumentation ist für mich besonders widerlich, da ich auf einer integrativen Grundschule aufgewachsen bin und daher die Vorzüge des Einbeziehens “behinderter” Menschen in den Lebensalltag zu schätzen weiß!
Veröffentlicht in "Behinderung" und Gesellschaft
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