Eine einsame schottische Insel. Auf dieser Insel werden Gabriella, April, Carrie, Will, Dan und Tom beobachtet beim Holzhacken, Jagen, Kochen. Man könnte fast meinen, Big Brother habe sich nach einer Konzeptänderung ein weiteres Mal selbst entdeckt. Doch die sechs auf der Insel „Ausgesetzten“ sind „behindert“: Gabriella ist gehörlos, April ist an Cherubismus erkrankt, Carrie ist kleinwüchsig, Will ist so genanntes Contergan-“Opfer“, Dan ist nach einem Unfall querschnittsgelähmt, Tom ist blind.
Sofort werden Stimmen laut wie: „Es ist niveaulos und unethisch, Behinderte im Reality-TV so zur Schau zu stellen!“
Reality-TV, das glaubt der tendenziell vojeuristisch veranlagte Zuschauer zu sehen. Um so enttäuschender ist es dann, wenn er erfährt, dass das Fernsehvölkchen hier nach Strich und Faden belogen wird. Denn Gabriella zum Beispiel heißt im wahren Leben Sophie Woolley und Tom verwandelt sich mit Abschalten der Kameras in Tim Gebbels. Das Einzige, das die Schauspieler mit ihren Rollen gemeinsam haben, sind die jeweiligen „Behinderungen“. Genau das ist das Prinzip der britischen Fake-Reality-Doku „Cast Offs“ (zu Deutsch: Die Verstoßenen)
Ich habe Menschen getroffen, die unsere Serie sehr kritisch gesehen haben. Dann ist die ganze Szene auch sehr politisiert und die Menschen haben sehr feste Meinungen über Behinderungen.
Joe Wilson, Produzent
In sechs einzelnen, jeweils ca. 45 Minuten langen Folgen werden die Bewohner ausführlich vorgestellt. Neben Aufnahmen von der Insel spielen hier auch ein paar Monate davor gedrehte Sequenzen, die das Alltagsleben der jeweiligen Rolle, sowie deren Geschichte abbilden, eine zentrale Rolle. So wähnt man sich als Zuschauer zum Beispiel live dabei, wenn Tom eine Frau zum Essen einlädt, oder hört Dan den Hergang seines Autounfalls schildern. Das alles geschieht auf eine sehr gefühlvolle Art, die manch einer eventuell nicht erwartet hätte. Neben ihrem Unterhaltungswert steht jedoch ein ernsthaftes politisches Statement, so der Produzent Joe Wilson:
Ich hoffe, dass die Zuschauer das als Satire sehen, eine Satire auf die Einstellungen der Gesellschaft und des Fernsehens gegenüber Behinderten, die ghettoisiert und immer besonders behandelt werden.
„Cast Offs“ erreicht mühelos das selbstgesteckte Ziel, die gesellschaftliche Abneigung „Behinderten“ gegenüber zu kritisieren und „Behinderte“ aus ihrer gesellschaftlichen Sonderrolle ausbrechen zu lassen. Denn auf der verlassenen Insel ist es natürlich überlebenswichtig, zu jagen, zu kochen, Holz zu hacken oder Wasser zu holen, eben alles das zu tun, was „gesunde“ Menschen in einer solchen Situation auch hätten erledigen müssen, und zwar unter gleichen Bedingungen.
Britische Behindertenverbände loben die Serie für ihre Satirik genauso wie für ihr politisches Statement:
Vielleicht wirken wir Behinderte dadurch nicht mehr ganz so ungewöhnlich, nicht mehr so als Freaks wie sonst.
Ian Macrae, Behinderten-Magazin Disability Now!“
Denn „Behinderte“ wollen eins nicht: ungewöhnlich sein. Vielmehr sehnt man sich als „Behinderter“ nach jeder sich nur bietenden Gelegenheit, ein „normales“, unbeschwertes Leben zu führen und die „Behinderung“ wenigstens für eine gewisse Zeit zu vergessen. Doch das ist meist nicht möglich, wenn man im alltäglichen Leben unterwegs ist. Ständig wird man als „Behinderter“ in der Öffentlichkeit durch gut gemeinte Hilfsangebote der Mitmenschen daran erinnert, dass man eben doch nicht „perfekt“ ist und vollkommen ohne Hilfe zurecht kommt. Immer wieder von dieser Utopie eines uneingeschränkten Lebens weggerissen zu werden, kann unglaublich weh tun.
„Cast Offs“ beschreibt genau diesen Kontrast. Einerseits versorgen sich die Bewohner auf der Insel völlig selbstständig. So wird Tom aufgrund seines überaus guten Gehörs von der Gruppe bestimmt, Wildtiere zu jagen.
Andererseits wird zum Beispiel auch dargstellt, wie Dan in seinem alltäglichen Leben in mancher Situation eben doch noch auf Hilfe angewiesen ist.
Obwohl die Geschichte der Charaktere immer aus deren Perspektive beschrieben wird, zerfließen sie in keinster Weise in Selbstmitleid, sondern schaffen durch das Einblenden fröhlicher, euphorischer Szenen von der Insel eine angenehme Ausgewogenheit.
Ich habe darauf gewartet, dass das Fernsehen endlich die Realität abbildet, das geschieht immer seltener. Aber wenn es passiert, dann ist es wichtig.
Matt Fraser, Darsteller „Will“
Und genau das geschieht mit dieser Serie. Das Fernsehen dokumentiert ungefiltert das Leben von sechs „behinderten“ (wenn auch teilweise fiktiven) Menschen. Es lohnt sich also unbedingt, diese Serie einmal anzusehen!
Aufgrund von rechtlichen Schwierigkeiten kann man die Folgen auf der Channel4-Website leider nur online sehen, wenn man in Großbritannien wohnt.
Alternativ dazu kann man sich hier die Folgen ansehen!!







